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24.08.2016, 15:03 Uhr
Doppelt hält schlechter
 Warum es falsch ist, dass Kinder von Nichtdeutschen zwei Staatsbürgerschaften haben dürfen. Ein Gastbeitrag von Jens Spahn in "Die Zeit" 36/2016 vom 25. August 2016.
In der wie vielten Generation müssen eigentlich Kinder hier in Deutschland geboren, aufgewachsen und beschult worden sein, wie viele Jahre hier in Deutschland gelebt, geliebt, gelitten haben, damit sie sich als Deutsche fühlen, damit Deutschland selbstverständlich ihre Heimat und ihre Zukunft ist? Genau darum geht es doch im Kern bei dem, was wir »Integration« nennen, oder? Diese und andere Fragen gingen mir beim Lesen des Textes »Was für Landsleute?« von Özlem Topçu (ZEIT, 34/16) durch den Kopf.
 
Wie kann es sein, dass junge Menschen, die in der zweiten oder dritten Generation hier in Deutschland leben, sich so sehr für Erdoğan begeistern können, dass sie zu Tausenden in Köln demonstrieren – für eine türkische Regierung, die das Land ihrer Großeltern wegführt von den Prinzipien und Werten, die Deutschland und Europa auszeichnen?
 
Und ja, natürlich geht es dann auch schnell um Fragen der Staatsbürgerschaft. Denn die konkrete Ausgestaltung dessen, was wir unter »doppelte Staatsbürgerschaft« diskutieren, betrifft vor allem die in Deutschland lebenden Türken. Diese Debatte ist die notwendige Auseinandersetzung einer Gesellschaft mit sich selbst und über sich selbst.
 
Denn Staatsbürger eines Landes zu werden, das bedeutet eben mehr als einen Pass zu bekommen oder ein paar Rechte. Staatsbürgerschaft ist die hoheitlich-formalste Form, die Zugehörigkeit zu einem Staatsvolk, zu einer Gesellschaft mit all ihren Prinzipien und Grundlagen, ihren Werten und ihrer Kultur auszudrücken. Dies gilt umso mehr, als die deutsche Staatsbürgerschaft eine der attraktivsten überhaupt ist: Denn Deutschland ist eines der beliebtesten Länder der Welt. Seinen Einwohnern ging es noch nie so gut wie heute. Die Wirtschaft brummt, die Deutschen leben immer länger und gesünder, die persönliche Zufriedenheit wächst, viele sind mobil und weltoffen wie nie zuvor. Und: Wer einen deutschen Pass hat, der kann weltweit in die größte Zahl von Ländern visafrei reisen.
 
Wer hätte nach 1945 gedacht, dass dieses Land in der Mitte Europas, das im 20. Jahrhundert so viel Leid über die Welt gebracht hat, einmal Sehnsuchtsort für so viele Menschen auf dieser Welt werden würde? Das war kein Selbstläufer. Wer Deutscher werden will, der bekennt sich nicht nur zum Deutschland des Jahres 2016, sondern eben auch zu unserer wechselvollen Geschichte mit ihren Höhen und Tiefen und übernimmt dafür auch Verantwortung.
 
Viele, die für offene Grenzen und den großzügigen Zugang zur Einbürgerung werben, übersehen einen wichtigen Punkt, der Deutschland von einem klassischen Einwanderungsland wie etwa den USA unterscheidet. Denn dort wird Integration in die Gesellschaft durch Arbeit faktisch erzwungen. Sozialleistungen gibt es kaum. Wer sich nicht integriert, nicht die Sprache und Gebräuche lernt, wer im Ergebnis keine Arbeit findet, um für sich und seine Familie zu sorgen, der landet früher oder später auf der Straße. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich bevorzuge ganz klar den deutschen, den europäischen Weg der sozialen Sicherung. Aber wir müssen uns entscheiden: hohe Sozialstandards oder eine großzügige Zuwanderungspolitik. Denn beides zusammen geht nicht, schon gar nicht mitten in Europa. Es gibt wenige Länder auf der Welt, in denen es ab dem ersten Tag für Migranten und Flüchtlinge so hohe finanzielle Unterstützung gibt wie in Deutschland. Diese Leistungen fallen nicht vom Himmel, sie müssen von anderen erwirtschaftet und bezahlt werden. Wer in einem solchen System den sozialen Frieden nicht gefährden und Akzeptanz für Zuwanderung erhalten will, muss klare Regeln setzen, wer auf welchem Wege Teil dieser Gesellschaft, dieses Sozialstaats werden kann. Und die Einbürgerung ist sozusagen die verbindlichste, weil unauflösbare Form der »Teilwerdung«.
 
Die diskutierte Regelung zur doppelten Staatsbürgerschaft steht dabei als pars pro toto für unser Selbstverständnis. Danach haben Kinder, deren Eltern beide nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, seit 2000 von Geburt an auch die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen. Bedingung war bis vor zwei Jahren, dass sie sich zwischen dem 18. und dem 23. Lebensjahr entscheiden hätten müssen, ob sie die Staatsbürgerschaft ihrer Eltern oder fortan nur noch den deutschen Pass behalten wollen. Dieses Verfahren war im Grunde richtig und besser als die jetzige Regelung.
 
Ja, die Optionspflicht verlangt jungen Erwachsenen eine Entscheidung ab. Aber dabei geht es nicht um einen »Gesinnungstest«, wie Topçu unterstellt. Und es geht auch nicht darum, dass die deutsche Gesellschaft »Dankbarkeit« erwartet. Das einzige, was wir erwarten können und sollten, ist eine bewusste Entscheidung. Dabei geht es eben nicht um Ausgrenzung, sondern im Gegenteil um die Aufforderung, sich bewusst auseinanderzusetzen und im Idealfall positiv zu entscheiden für das Land, in dem man groß geworden ist und das einen sehr darin unterstützt, sich zu entfalten.
 
Ich kann nicht nachvollziehen, warum einen solche Entscheidung zu viel verlangt sein soll von jungen Erwachsenen. Auch mit einer deutschen Staatsbürgerschaft kann man übrigens die Kultur der Eltern und Großeltern weiterpflegen. Beispiele dafür gibt es zuhauf, auch in der bundesdeutschen Geschichte.
 
In New York gibt es Chinatown oder Little Italy. Und ja, wenn ich dort bin, habe ich das Gefühl, in China oder Neapel zu sein. Aber auf die Frage, ob die Menschen, die dort leben und ihre Kultur pflegen, Amerikaner sind, werden Sie ein eindeutiges Ja zu hören bekommen. Wann schaffen wir das in Deutschland?